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Aus:

Robert Pfaller, Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft/Symptome der Gegenwartskultur.

Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2008.
(...) vor allem wird dadurch der Umstand kaschiert, dass die Rauchverbotsdebatte nur der erste Schritt einer voranschreitenden Biopolitik ist, die das gesellschaftliche Solidaritätsprinzip bei der Krankenversicherung außer Kraft setzen und Krankheit in Zukunft als etwas Selbstverschuldetes und mithin selbst zu Bezahlendes begriffen wissen will. Ebenso lässt die aufgeregte Behandlung des Themas vergessen, dass die Politik der Rauchverbote ein typisches Beispiel einer PSEUDOPOLITIK ist: Sie wird betrieben von Regierungen, die sich äußerst willfährig zeigen, wenn es darum geht, andere Fragen, die von entscheidendem gesellschaftlichem Interesse sind (wie z.B. die Fragen des Zugangs zu Infrastruktur, Ressourcen und Bildung, der Sozial- und Altersvorsorge oder der Lebensmittelkontrollen), dem freien Markt zu überantworten; dafür spielen sie dann eben in einer unbedeutenden Nische ein bisschen Autorität und stellen dort ein kleines Stück heile Welt her. Eine Politik, die ihre entscheidenden Aufgaben verabsäumt, wird, um davon abzulenken, gern auf einem Nebenschauplatz hyperaktiv. Selbst wenn ihre dort getroffenen Maßnahmen vernünftig wären (was bei den Rauchverboten durchaus fraglich ist), müsste die Gesellschaft ihnen darum Widerstand entgegensetzen - um dessen willen nämlich, was ihr durch eben diese Maßnahmen vorzuenthalten versucht wird. (p. 15)

Die postmoderne Vernunft redet lieber über Gender als über Sex, sie schwärmt von der Spontaneität und Kreativität wirkungslos bleibender politischer Initiativen, anstatt sich über Fragen und Methoden wirksamer Organisation den Kopf zu zerbrechen; sie vermeidet beflissen alles Spielerische und Zauberhafte in der Kunst und alles Unvorhergesehene in den Wissenschaften, anstatt sich zu fragen, was dadurch verloren geht. (p. 27)

Ideologische Hegemonie bedeutete im klassischen Verständnis, dass eine Klasse es fertigbringt, ihre partikularen Interessen als allgemeine Interessen der gesamten Gesellschaft darzustellen und dadurch die übrigen Klassen unter ihre Führung zu bringen. Durch diesen Schein von Allgemeinheit gelingt es ihr, die übrigen Klassen dazu zu bewegen, sich mit den Interessen der herrschenden Klasse zu identifizieren. Diese nehmen dann sozusagen DEN FEIND FUER DIE BEUTE und beginnen beide zu bejahen. (p. 31)

Was sich selbst als ein "aufklärerischer Fortschritt" ausgibt, ist in Wahrheit eine gesteigerte Feindseligkeit gegen den Aberglauben in der Kultur sowie gegen die Lust, die dieser mit sich bringt. (p. 72)

Solche Bekenntniskulturen neigen zu einem doppelten Missverständnis (dessen klassische Form der englische Anthropologe Frazer präsentiert hat): ERSTENS UEBERSEHEN SIE IHREN EIGENEN ABERGLAUBEN, UND ZWEITENS HALTEN SIE DEN ABERGLAUBEN DER ANDEREN FUER DEREN BEKENNTNIS.
Beide Irrtümer hat Wittgenstein in seiner Kritik an Frazer kenntlich gemacht: Auf der einen Seite glauben die sogenannten Wilden, wie Wittgenstein zeigt, nicht wirklich (d.h. bekenntnishaft) an ihre magischen, symbolischen Praktiken. Denn sie verwechseln sie niemals mit wirklichen, technischen Maßnahmen. Vielmehr sind sie durchaus in der Lage, zwischen Situationen zu unterscheiden, in denen sie Voodoo praktizieren, und solchen, in denen sie mit Pfeilen auf ihre Feinde schießen. Auf der anderen Seite begehen die "Zivilisierten", die ja bekanntlich nicht an Magie glauben, dennoch auch magische Akte, wie wir oben gesehen haben: sie küssen die Fotos ihrer Geliebten, oder sie sprechen zu ihren Autos, wenn die nicht starten. (p 73)

"The social practices of one generation tend to get codified into the "game" of the next." (McLuhan 1987:239) (p.100)

"(...) in a native society there is no true art because everybody is engaged in making art." (McLuhan 1987: 240) (p. 101)

In seinem Ressentiment gegen alles Glamouröse und Große (wie z.B. die sogenannten "großen Erzählungen") verrät dieser Relativismus nach wie vor deutlich seine Herkunft: den christlichen Hintergrund einer "Religion der Schwachen" sowie ihrer von Nietzsche nachgewiesenen Rachebedürfnisse (s. dazu Nietzsche (1887): 228 ff.; vgl. auch Sennett (1974): 351 ff. sowie Sloterdijk 2006: 162). (p. 107)

Eine neue Generation faschistoider Mimosen, denen alles zum Ärgernis gereicht, was auch nur entfernt nach Zivilisation oder Intellektualismus riecht, wird es vielleicht erreichen, die öffentlichen Räume gänzlich dem Diktat ihrer reizlosen Intimsphären zu unterwerfen. (p. 109)

Wie Slavoj Zizek gezeigt hat, ist immer nur die Rechte daran interessiert, jegliche Universalität durch Relativismus außer Kraft zu setzen. Wenn dagegen die Linke die aktuelle, Universalität behauptende Einheit unter Kritik nimmt, dann nicht, um damit jedwede Universalität zu leugnen, sondern, im Gegenteil, um damit einer zukünftigen Universalität den Weg zu bahnen. (p. 171)

Die aktuelle "Differenzierung des Kanons" macht in ihrem Hunger nach herzeigbaren Differenzen die Kultur zu einem Zoo, worin jeder als Exote in seinem eigenen Käfig sitzt, nichts als seine Eigenheiten vorführt und die anderen verständnislos und bestenfalls neugierig anguckt. (p. 179)

Die Ästhetiken des Hässlichen und des Kitsches beruhen immer auf der Voraussetzung eines gebildeten Durchschnittsgeschmacks, der sich vom naiven, schlechten Geschmack absetzt und die entsprechenden Objekte als hässlich und kitschig einstuft. Erst dank dieses gebildeten, mittleren Geschmacks kann sich der elitäre Geschmack für Hässlichkeit und Kitsch herausbilden, der an diesen Dingen nun ein sublimes Gefallen entwickelt - und sich damit ein doppeltes Überlegenheitsgefühl verschafft, sowohl über die Naiven wie auch über die entsetzten Gebildeten. (s. dazu Pfaller 2000: 58 ff.). (p. 189)

Die Beobachtung, dass unter postfordistischen Bedingungen Beschäftigte sich mit ihrer Tätigkeit in höherem Maß identifizieren können, als es fordistischen Arbeitern möglich war, mag richtig sein. Aber diese Aufhebung von "Entfremdung" sichert ihnen im ökonomischen oder politischen Sinn keinerlei Freiheit. (p. 202)

Solange der Müßiggang für eine Kultur - und sei es nur in der Vorstellung - das ersehnte Andere der Arbeit bildet, findet sich das Heilige dieser Kultur im Gegensatz zur Arbeit. Damit das süße Nichtstun hingegen sich in eine Angstvorstellung verwandelt, die im Imaginären dieser Kultur keinen Platz mehr einnehmen kann, muss das Heilige seine Stellung gegenüber der Arbeit verändert haben. Es muss, statt das Andere der Arbeit zu bilden, zur Arbeit selbst geworden sein. Wenn die Arbeit selbst heilig geworden ist, dann ist für das Nichsttun, ebenso wie für seine Vorstellung, nur noch ein völlig "gottverlassener" Ort übrig (in dem Sinn, in dem man zum Beispiel ein Dorf auf dem Land, wo es keinen schönen Dorfplatz und nicht einmal ein Kino gibt, einen "gottverlassenen" Ort nennt). (p. 205)

Wenn in der EU vor 1999 anscheinend Gelder in finsteren Kanälen verschwanden - wohin fließen sie denn jetzt? Wohl in die massiven bürokratischen Apparate, die durch Kontrolle, Monitoring und Evaluierung das unkontrollierte Verschwinden der Gelder verhindern sollen. Eine gewaltige Apparatur aus nicht enden wollenden, unüberschaubaren Antragsprozeduren hat die einstige Willkür ersetzt. Die früheren heimlichen, illegalen Güstlinge der Korruption sind nun durch weitaus zahlreichere, legale Begünstigte ersetzt worden, die noch mehr Geld verschlingen, indem sie Korruption bekämpfen. (p. 211)

So, wie die Notwendigkeit des Essens sich für den Hungrigen aus seiner allgemeinen menschlichen Natur (und nicht etwa aus seinen individuellen Entschlüssen) ergibt, muss auch die "Natur" der Sexualität bei Reich begriffen werden: Die Sexualität erscheint den begehrenden Menschen als Bedürfnis; als etwas Naturhaftes, Fremdes, dessen Forderungen für die Individuen zwar, ähnlich wie die Flucht des Pferdes, vielleicht in ihrer Richtung lenkbar, aber in ihrer Macht kaum verhandelbar sind. Diese "Natur" lässt sie spüren, dass ihr Ich nicht "Herr im eigenen Haus", sondern lediglich Teil einer "dezentrierten" Einheit ist.
Diese Tatsache ist Menschen meist peinlich - und zwar, je nach der Kultur, in der sie leben, in unterschiedlich hohem Maß. In der aktuellen Kultur zum Beispiel ist sie enorm peinlich, denn zeitgenössische, postmoderne Individuen wollen GANZ SIE SELBST sein. Das ist auch, wie gesagt, der Grund, weshalb sie im Gegensatz zu früheren Generationen keine "großen Erzählungen" oder politischen Utopien mehr akzeptieren: nicht etwa, weil sie klüger geworden wären als die früheren Generationen, sondern weil ihre Sehnsucht, an sich selbst zu glauben, so stark geworden ist, dass sie eben an nichts anderes mehr glauben können außer an sich selbst; keiner noch so vernünftigen Sache wollen sie sich mehr unterordnen. Der kategorische Imperativ der Postmoderne "Be yourself!" hallt im Hip Hop wider; in auffälligem Gegensatz zu den 70er-Jahren, als die Popmusik noch mehr forderte und "die Welt" wollte ("We want the world, and we want it now"). (p. 227)

Die formfeindlichen Entwicklungen in der Kunst haben mit vielen strukturellen Ursachen zu tun - der Krise des (Ende der 80er-Jahre überhitzten) Kunstmarktes, der Abhängigkeit von schwindenden (und zunehmend regionalen oder kommunalen) öffentlichen Geldern, der Entscheidungsschwäche der politisch Verantwortlichen, dem (z.B. durch die Kommerzialisierungsschübe des Fernsehens bedingten) Verlust von Öffentlichkeit, der Vorherrschaft der Kuratoren, der Abspaltung des neuen low-budget-Feldes von dem nach wie vor existierenden, aber hochgradig kapitalisierten und monopolisierten Kunstmarkt etc.
Aber die entsprechenden Gegenstrategien werden - ganz so, als wären sie nicht aus der Not geboren, sondern einem erfindungsreichen philosophischen Kopf entsprungen - zu einem Programm erhoben und mit rationalen Begründungen legitimiert (bzw. zementiert). Die Träger dieser Bewegung suggerieren sich, Protagonisten eines Aufbruchs zu sein. Es scheint ihnen notwendig, endlich eine von tradierten Mythen befreite Kunst zu erzeugen, die der Rationalität mächtig und der Politisierung fähig ist. Dementsprechend versuchen sie, das Magische aus der Kunst verbannen - so als ob dessen Existenz ein Produkt naiven Glaubens wäre und nicht, wie die Psychoanalyse entdeckt hat, des Nichtglaubens.
Alles, was an den Zauber der Kunst erinnert - das Extravagante ihrer Formen, ihr Glamour, der Starkult, das Ekstatische, Exzessive, Auratische, Überraschende, Hinreißende, Obsessive, das Charisma, die Ansprüche auf Größe und überzeitliche Geltung -, all das wird nun misstrauisch beäugt, wenn nicht bekämpft und aus dem Betrieb ausgeschlossen; ganz so, als hätte man soeben zum ersten Mal in der Geschichte erkannt, das es sich dabei nicht um Wahrheiten, sondern um Mythen handelt. (p. 243)

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Aus:

Robert Pfaller (Hg.), Schluss mit der Komödie! Zur schleichenden Vorherrschaft des Tragischen in unserer Kultur.

Wien: Sonderzahl Verlagsges.m.b.H, 2005.
Die folgenden Textpassagen sind aus den Beiträgen Robert Pfallers in "Schluss mit der Komödie!" (die Rechtschreibung, wie in der Publikation angewendet, wurde nicht bearbeitet bzw. der "Neuen Rechtschreibung" angepaßt):

Gerade jene Eingeweihten, die die Sache für "bloßes Theater" hielten, täuschten sich; ihnen entging das Echte der Sache, das die Künstlerinnen und Künstler selbst später mit feinem Gespür wahrnahmen. Die naivste, oberflächlichste Betrachtung und die raffinierteste gelangten somit zum selben, richtigen Ergebnis, während eine mittlere, durchaus vernünftige, dagegen im Irrtum war (eine Konstellation, die aus den Ästhetiken des Häßlichen, des Trivialen und des Erhabenen bekannt ist). (p. 8)

Pfaller zitiert in diesem Zusammenhang den Philosophen Alain, der über das Theater bemerkt:
"daß die Gedanken, anstatt den Worten voranzugehen, ihnen folgen. Die Wahrheit eines Theaterstückes besteht zweifellos darin, daß die Personen nicht aufhören, über das, was sie gesagt haben, nachzudenken. Ihre Worte sind gleichsam Orakelsprüche, deren Sinn sie suchen." (p. 9)

Dementsprechend sind die militanten Tragiker, die zwar kämpfen, aber sich keinen wünschenswerten Zustand der Welt vorstellen können, die Zwillinge jener politisch abstinenten Postmodernen, die meinen, daß es auf der Welt nichts gibt, wofür es sich ernsthaft zu kämpfen lohnt. Es besteht eine grundlegende Komplizenschaft zwischen metaphysischer Askese und Spaßkultur. Darauf hat bereits der Kulturtheoretiker Johan Huizinga hingewiesen, als er betonte, daß die vermeintlich hedonistische Idee, es gäbe keine Wahrheit, und die ganze Welt sei bloß Spiel beziehungsweise Theater (oder - wie die Dekonstruktivisten meinen: Literatur), zugleich die Ausgangsannahme der finstersten asketischen christlichen Metaphysiker ist (s. Huizinga 1956: 7,12). Denn die grundlegende metaphysische Operation besteht darin, Wahrheit und Freiheit anderswo anzusiedeln als auf der Welt und im Glück. Alle Spielarten der Metaphysik (das heißt: des philosophischen Idealismus) beruhen auf der Annahme einer solchen Spaltung. Sie unterscheiden sich lediglich untereinander durch die Präferenz, die sie einer der beiden Seiten zuerkennen (z.B. für die Freiheit und gegen das Glück; oder für das Glück und gegen die Wahrheit etc.). (p. 112 u. 113)


Schlagworte aus den zitierten Textpassagen:

PSEUDOPOLITIK

LIEBER GENDER ALS SEX

IDEOLOGISCHE HEGEMONIE

"AUFKLAERERISCHER FORTSCHRITT"

"RELIGION DER SCHWACHEN"

FASCHISTOIDE MIMOSEN

"GROSSE ERZAEHLUNGEN"

KULTUR ALS ZOO

ELITAERER GESCHMACK FUER HAESSLICHKEIT UND KITSCH

EU

KORRUPTION

"HERR IM EIGENEN HAUS"

"BE YOURSELF!"

CHARISMA

PROTAGONISTEN EINES AUFBRUCHS
Buchhandlung in Mauer, 23., Geßlgasse 8a (kleine, aber feine Buchhandlung und - nach Neuübernahme - mit ausgezeichneter Kundenbetreuung) - Tel 01/ 887 26 74

Die Buchhandlung Mayrhofer in Kirchschlag/Niederösterreich (buch.co.at) bietet sich als österreichische Alternative zu internationalen Versandunternehmen an und wartet mit ausgezeichnetem Service  und meist besonders kurzen Lieferzeiten auf. Ab einem Bestellwert von 20 Euro werden keine Versandkosten berechnet. - Tel. 02646/7001






In diesem Zusammenhang ist auf den ausgezeichneten Text von Raoul Schrott "Die Politik des Heiligen - Demarkationen" im Magazin "Lettre" Nr. 88 (Frühjahr 2010) hinzuweisen. Das "Lettre"-Magazin gibt es in allen guten Buchhandlungen und natürlich im Abonnement. Eine Übersicht über die Texte im aktuellen Magazin finden Sie » hier


Schlagworte aus den zitierten Textpassagen zu "Schluss mit der Komödie! Zur schleichenden Vorherrschaft des Tragischen in unserer Kultur."

AESTHETIK DES HAESSLICHEN

AESTHETIK DES TRIVIALEN

AESTHETIK DES ERHABENEN

WAHRHEIT EINES THEATERSTUECKES

MILITANTE TRAGIKER

SPASSKULTUR

FINSTERSTE ASKETISCHE CHRISTLICHE METAPHYSIKER